Autonomie der Migration

22.03.2007 - 20:00
22.03.2007 - 22:00
Kurzbeschreibung: 
Veranstaltungsdokumentation vom 16.01. Mit drei kurzen Eingangsreferaten von BefürworterInnen bzw. KritikerInnen des Konzepts und mit Diskussion zu dessen Relevanz.
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Beschreibung: 

Ende September 2005 versuchten mehrere hundert Flüchtlinge, mit Leitern die meterhohen Grenzzäune zu den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko zu überwinden. Dabei starben sechs von ihnen durch Kugeln der Grenzpolizei, viele verletzten sich schwer an den meterhohen Stacheldrähten und Hunderte wurden von der marokkanischen Polizei mit Bussen in die Wüste nahe Algerien gefahren und dort ohne Wasser ausgesetzt. Sind diese Bilder von den Grenzen Europas nicht Ausdruck immer verzweifelterer und erfolgloserer Versuche, Eingang in die „Festung Europa“ zu finden?
Dennoch gelang und gelingt es jährlich Tausenden, nach Europa zu kommen und sich hier mit Hilfe von Community-Netzwerken ein Leben mit oder ohne legalem Aufenthaltsstatus aufzubauen: sie arbeiten als Haushalts- und Pflegehilfen, in der Gastronomie, als ErntehelferInnen und auf Baustellen, leben in Wohnungen von Freunden oder Verwandten, ihre Kinder besuchen öffentliche Schulen und sind im örtlichen Sportvereinen aktiv.
Zeigen diese Beispiele nicht deutlich, dass Migration sich weder kontrollieren noch verhindern lässt und die Migrierenden keine „passiven Opfer“ von Verfolgung, Hunger und Krieg, sondern handelnde Subjekte sind, die sich bewusst für die Migration entscheiden, wie es das u.a. von der Gruppe „Kanak Attak“ vertretene Konzept der „Autonomie der Migration“ formuliert? Gestalten die Migrierenden die europäische Flüchtlingspolitik nicht aktiv mit, wie es die jüngste Legalisierung von papierlosen MigrantInnen in Spanien im Sommer 2005 beweist?
Oder ist Migration gemäß einer marxistischen Lesart doch nur in soweit als „autonom“ und unkontrollierbar zu verstehen, als mensch sie als „Zirkulation der Ware Arbeitskraft“ und damit als dem Kapitalismus inhärente Begleiterscheinung begreift?
Wie verhält es sich mit der Argumentation, die auf ein moralisches Anrecht der Migrierenden verweist, nach Europa kommen zu können, weil europäische Mächte im Rahmen neokolonialer Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse ihre Lebens-grundlagen zerstören und als ehemalige Kolonialmächte für willkürliche Grenz-ziehungen und damit aktuelle Kriege verantwortlich sind? Ist es daher nicht auch politisch notwendig, auf die Fluchtursachen hinzuweisen, wie es politische Praxis organisierter Flüchtlingsgruppen ist? Oder hat die Fokussierung auf Krieg, Vertreibung und Hunger als Fluchtursachen die Hierarchisierung von MigrantInnen in „gute“ politische und „schlechte“ Wirtschaftsflüchtlinge zur Folge, wie sie auch im dominanten politischen Diskurs in Europa vorgenommen wird?
Seit Jahren wird in der antirassistischen Szene um das für und wider des Konzeptes der „Autonomie der Migration“ gestritten: Bietet es eine Möglichkeit, aus der politischen Defensive herauszukommen, oder ist es ein theoretisches Konzept, das dem Alltag der Migrierenden nicht gerecht wird und sie zur sozialen Bewegung verklärt? (Aus der Veranstaltungsankündigung)

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