Lignas Music Box: BLUMEN

10.04.2010 - 20:00
10.04.2010 - 23:00
Beschreibung: 

„April is the cruellest month, breeding Lilacs out of the dead land“, schalt es auf allen Wegen.
Während das Eis des langen Winters allmählich aufbricht, die Sonnenstrahlen unermüdlich die wieder zutage tretende Ackerkrume wärmt, wir darüber hinweg schreiten und dabei T. S. Eliots „Waste Land“ rezitieren, hält es auch die Pflanzenwelt nicht mehr in der vermeintlich toten Erde. Rasch erhebt sie ihr Haupt, welches das weithin noch öde Land in kürzester Zeit in allerlei Farben tauchen wird, als wollte sie Goethes spätwinterlichen Zeilen folgen:
„Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben“
Was mag da gelegener kommen, als die bald zu erwartende Farbenpracht der Pflanzen vorab zu begrüßen? Pflanzen, die wir da allgemein Blumen nennen, der Botaniker dagegen nach ihrer Gestalt Revolverblumen, Maskenblumen, Lippenblumen, Gleitfallenblumen, Bürsten- und Pinselblumen oder – nicht zu vergessen – nach ihren Bestäubern Vogel- und Käferblumen. Doch die eigentlichen Liebhaber der Blumen mag dieses weniger interessieren, als vielmehr ihre schmückende Ästhetik und ihre symbolische Bedeutung, wie sie durch die „Sprache der Blumen“ nahegelegt wird. Wünsche und Gefühle lassen sich mit ihr übermitteln, auch wenn manch einer erst einmal nachschlagen muss, bevor er einen Strauß, bestehend aus sechs roten Rosen (Ich liebe dich über alles), zwei Dahlien (Ich bin schon vergeben), fünf Krokussen (Ich muss mir das noch überlegen), vier Blausternen (Vergiss! Vergib mir), ein wenig hellblauer Flieder (Die Lage ist ernst), sieben Hortensien (Du bildest dir zu viel auf dich ein) und eine weiße Rose (Ich muß weiter) entsprechend interpretieren kann, schließlich dürfte dieses im 18. Jahrhundert zu voller Blüte gelangte Zeichensystem kaum noch bekannt sein. Grundlage dieser kunterbunten Gebräuche ist allerdings immer die gleiche, wenig einfühlsame Form der Aneignung, die beispielhaft von Clemens Brentano in aller Graumsamkeit beschrieben wird:
"Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenn's Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Daß schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du mußt es nur leiden;
Mußt in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!"
Darum wollen wir heute nur akustische Blumen und Blüten zur Geltung kommen lassen, dargereicht durchs Telephon, stellvertretend durch Äther und Radio in Wasser und Vase gestellt. Lieder über Blumen und ihre Bedeutung, über Blumenkinder und Flower-Power-Busse, Hochzeits- und Friedhofsblumen, Verbrechen, Leidenschaft, Liebe, Farben und den Tod, überreicht unter 432 500 46 und danach ausgestreut an alle dem Winter entkommenen Radios in Stadt und Land.

Kontakt: 
lmb [at] fsk-hh [dot] org

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