Eine Beschreibung der Entwicklung in Italien könnte zur Einschätzung beitragen:

Vom Sonnabend:

"Hallo,
wahrscheinlich habt Ihr schon viel aus den medien mitbekommen. Trotzdem ist vielleicht Bericht aus Italien für einige von Interesse, v.a. da uns das problem in den nächsten Monaten wohl weiter begleiten wird und daran auch diverse praktische und politische Implikationen hängen.

Wir sind hier in einer Ecke von Nordostitalien, die immer noch vergleichsweise wenig von der Coronakrise betroffen ist. Bis vor kurzem haben wir die auch nicht wirklich ernst genommen. Zum einen hieß es immer, das ist wie ne Grippe, an der sterben auch Leute, zum anderen war das auch immer weit weg. Außerdem war da auch der Eindruck, ok hier haben wir es mit einer Form medialer Panikmache und Notstandsspielereien der Regierung zu tun. Selbst Mitte Februar noch, als Fälle in der Lombardei auftraten, auch zum Karneval war hier noch Highlife. Dann, mitten im Karneval die Nachricht, einige Dörfer und Kleinstädte in der Lombardei werden unter Quarantäne gestellt. Immer noch weit weg, immer noch die Annahme, ok, das kriegen die da eingedämmt, wir sind hier sicher und wenn, an der Grippe sterben auch Leute, es wird schon nicht so schlimm werden. Und dann beginnt eine Phase, die im Rückblick ein bisschen aussieht wie das unentschiedene Hin-und-her, das wir jetzt in deutschen Medien mitbekommen. Erst wird diskutiert, ob man den Karneval in Venedig absagt, dann wird der Karneval in Venedig abgesagt, dann schließlich auch hier. Dann werden die Schulen bis Ende der Woche geschlossen. Dann Schulen und Museen noch eine Woche. Dann machen wie Museen wieder auf. Dann Museen wieder zu. Noch zwei Wochen mehr Schulschließung. Dann bis Anfang April. Zwischenzeitlich müssem in Mailand die Bars früher schließen, dann gibt es Beschwerden, dann durften sie länger aufmachen. Und in der ganzen Zeit steigen die Fallzahlen, steigt die Anzahl der Toten, wird das Virus in immer mehr Provinzen nachgewiesen. Schließlich macht sich die Regierung Sorgen.
Im Norden Italien ist das Gesundheitswesen kaputtgespart wie bei uns. Im Süden ist es richtig im Arsch. Wenn sich die Epidemie massiv nach Süden ausbreitet gibt es eine Katastrophe. Schließlich vor drei Tagen die Entscheidung, halb Norditalien wird unter Quarantäne gestellt. Das funktioniert nur eingeschränkt, viele Leute halten sich nicht dran, es ist auch faktisch nicht kontrollierbar. Vor allem aber löst es eine Massenflucht von Süditalienern die im Norden leben und arbeiten nach Süden aus. Am ersten Tag noch die Erklärung der Regierung, man wird die Leute feststellen, registrieren, testen. Viele haben sich auch registrieren lassen, aber offensichtlich war das aber nicht mehr einfangbar. Gestern dann die Erklärung: ganz Italien wird rote Zone. Öffentliche Einrichtungen geschlossen, Verkehr eingeschränkt, mittlerweile auch Straßen gesperrt.
Und mittlerweile die Nachrichten aus den schwer betroffenen Regionen in der Lombardei (nochmal: das ist das ökonomische Zentrum Italiens, sowas wie Bayern/BaWü in D), dass die Kapazitäten des Gesundheitswesens erschöpft sind, dass Patienten sterben, weil Geräte und Behandlungsplätze alle belegt sind. Nächster Schritt könnte sein, dass alle Läden, die nicht unbedingt benötigt werden (Lebensmittel, Apotheken...) schließen müssen. Mittlerweile ist klargeworden, dass das Zusammenwirken des Virus und der sozialen Verhältnisse, vor allem der Mängel eines auf Profitabilität getrimmten Gesundheitswesens tatsächlich eine ernste Gefahr darstellen.
Nicht nur für Alte und Kranke. Innerhalb von drei Wochen wurden wir, ohne dass es uns richtig bewusst wahr, ZeugInnen, wie sich hier eine Katastrophe entwickelt. In einer Region, die zur Kernzone der EU gehört und die sich in wesentlichen infrastrukturellen Charakteristika nicht von Deutschland unterscheidet. Es wäre hochgradig arrogant und kaum substantiell unterfüttert anzunehmen, dass das in Deutschland nicht passieren kann. Fallzahlen, Hin-und-her der Maßnahmen, kurzfristiges und situatives Agieren der Behörden in Deutschland (nach dem was wir aus den Medien mitbekommen) erinnern an die Situation hier vor drei-vier Wochen. Man kann hoffen, dass die Entwicklung in Deutschland nicht der hiesigen nachfolgt. Es gibt aber wohl wenig Gründe dafür. Und wenn es zu einem massiven Ausbruch in Deutschland kommt, ist die Infrastruktur in Deutschland so kaputtgespart und privatisiert, dass es zu den gleichen Problemen kommen wird, wie hier.
Deshalb ist es durchaus sinnvoll, sich Gedanken zu machen, wie man sich auf die Situation vorbereitet. Vielleicht auch mit dem Anlegen von Klopapiervorräten, wobei wir nicht mitbekommen haben, dass es hier an Klopapier mangelt. Selbst die rebellierenden Gefangenen in den Knästen zünden es an und schmeißen es aus den Fenstern. Nein, eher sind die langandauernden Schließungen öffentlicher Einrichtungen und der wirtschaftliche Einbruch für viele Leute ein Problem. Prekär Beschäftigte verdienen kein Geld mehr, Eltern müssen sich überlegen, wie sie über Monate ihre Kinder betreuen. Kulturelle Institutionen die ohne dauerhafte staatliche Förderungen auskommen müssen, sind in ernster Gefahr. Politische Veranstaltungen, Demonstrationen können nicht stattfinden.
Und natürlich dann doch auch politische Notstandsspielerei: Der Frauenstreik zum 8. März wurde untersagt. Die Linke steht dem Ganzen vor allem beobachtend, skeptisch, paralysiert gegenüber. Selbstorganisation in Zeiten dieser Krisen haben wir wenig gesehen. Am ehesten noch in der chinesischen Community hier, in der schon Anfang des Jahres Leute die vom chinesischen Neujahrsfest aus China zurückkamen, als der Staat hier noch nicht systematisch nach Verdachtsfällen suchte, sich freiwillig zu Hause für zwei Wochen in Quarantäne begaben, um andere nicht zu gefährden. In dieser Zeit organisierten chinesische Netzwerke die Versorgung der Leute mit Lebensmitteln und halfen ihnen. Muss man demnächst vielleicht auch für Freund_innen, die unter Coronaverdacht stehen, tun. Und sich vielleicht Gedanken machen, wie man damit umgeht, wenn es in WGs und Häusern Erkrankte gibt... "

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