Redebeitrag einer Betroffenen beim „Viva la Antifa“-Konzert vor der Roten Flora mit Danger Dan

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Beitragsautor

Von tatorthenstedtulzburg
Beitragsdatum

4. September 2023

Es sind heute genau 62 Tage vergangen, seit der Prozess gegen den Beschuldigten wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr begonnen hat. Mein Leben fühlt sich seit dem an, als hätte jemand die „Pause-Taste“ gedrückt.
62 Tage, seit denen es sich anfühlt, als wäre die Welt stehen geblieben.
62 Tage, die sich die Welt weiter dreht.
62 Tage, die sich die meine nicht weiter dreht.

Die Schwere, welche mich seit Prozessbeginn verfolgt, raubt mir die Luft zum Atmen, die Ängste sind viel stärker geworden und mir fehlt die Kraft, mein – mühsam wieder aufgebautes – Leben und meinen Alltag einfach weiter zu führen.
Vor dem Start des Prozesses, am 03.07., habe ich mir enorme Gedanken über den ersten Tag gemacht.

Ich habe alles mögliche an Anträgen erwartet.
Ich habe Erklärungen erwartet.
Ich habe Ausreden erwartet.
Ich habe Entschuldigungen erwartet.
Ich habe erwartet, dass es mir Kraft geben würde, dem Täter in die Augen zu gucken, der mich fast getötet hätte und mir mehr physischen und psychischen Schmerz und Verletzungen zugefügt hat, als ich mir je hätte vorstellen können.
Ich habe alles erwartet. Alles.

Aber was ich nicht erwartet habe ist, dass ich in keiner der wirren Geschichten in der Einlassung des Täters vorkomme. Ich wurde nicht auch nur ein einziges Mal erwähnt. Auch auf das mehrfache und schlussendlich sogar direkte Nachfragen nach meiner namentlich benannten Person durch eine der Richter*innen, wurde ich von dem Täter mit keinem einzigen Wort erwähnt.
DAS habe ich nicht erwartet – und doch hat es mich nicht überrascht. Der Verteidiger des Täters verlas am ersten Prozesstag eine Erklärung, in welchem er die Besonderheit des Verfahrens betonte und zwar damit – ich zitiere: „[…], dass einzelne Personen und Personengruppen bemüht sind, dem Vorfall und diesem Verfahren eine politische Dimension zuzusprechen, die aber nicht bestehe.“ (Erklärung v. RA Jens Hummel, 03.07.2023)

Der Täter, welcher seinen Freunden schreibt „Ich hasse die Linken so sehr, wie du die Kanacken hasst […], es werden immer mehr, bis wir als deutsche, als weiße Menschen ausgestorben sind“, fährt zwei Männer um, die er als Linke einordnet und verfolgt mich, eine Schwarze Frau mit seinem Auto und fährt auch mich letztendlich um. Hier wird die politische Weltanschauung des Täters deutlich und zeigt die „gegebene politische Dimension“ auf. Wie ich schon am ersten Prozesstag sagte, hat es mich in erster Linie als Schwarze Frau und dann erst als Antifaschistin getroffen. Meine Identität als Schwarze Frau ist und wird immer politisch bleiben – egal, wo auf der Welt. Im Übrigen habe ich, ebenso wie die anderen Betroffenen, eine Entschuldigung des Täters erhalten, welche auch in der Erklärung seines Verteidigers nochmals nieder geschrieben ist.

Ich zitiere: „Mein Mandant schilderte im Gespräch mit mir wiederholt, dass er die Nebenklägerin und auch die Nebenkläger verstehen kann, an diesem Verfahren teilzunehmen. Niemand möchte erleben, dass ein Fahrzeug auf jemanden zu fährt und diesen verletzt. Mein Mandant hofft, dass hier eine ausgesprochene Entschuldigung angenommen wird.“ (Erklärung v. RA Jens Hummel, 03.07.2023)

Wie soll ich diese Entschuldigung annehmen können, wenn ich mit keinem Wort in keiner seiner fragwürdigen und wirren Erzählungen vorkomme? Wenn all das so klingt, als wäre ich an diesem Tag – am 17. Oktober 2023 – nicht dort gewesen. Als würde ich zu dieser Zeit, an diesem Ort nicht existiert haben. Im übrigen ist der Täter nicht nur einfach mit einem tonnenschweren Pick-Up „auf mich zugefahren“, wie sein Verteidiger es relativierend ausdrückt. Er hat mich, während ich vor diesem riesigen Auto weggerannt bin, das zwischen 25 und 55 km/h schnell war, verfolgt und schlussendlich umgefahren.

Also Nein, wie meine Anwältin am 03.07. bereits verkündet hat, kann und werde ich diese Entschuldigung nicht annehmen. Ich war zum Zeitpunkt des Anschlags 21 Jahre alt, heute bin ich 24 Jahre alt und damals wie heute war, bin und bleibe ich eine Schwarze Frau und auch, wenn mittlerweile 3 Jahre vergangen sind, habe ich nach wie vor mit den Folgen des Tötungsversuchs zu kämpfen.

Man sagt, „die Zeit heilt alle Wunden“, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich jemals über diesen rassistischen und rechten Anschlag hinweg kommen werde. Denn wie kann ich verzeihen, wenn ich mental immer wieder im Gebüsch in Henstedt-Ulzburg liege, nachdem ich von dem Auto getroffen wurde, mich panisch aufrapple, weil ich keine Luft mehr bekomme und denke, ich müsste ersticken.

Aber ich bin nicht erstickt. Ich bin hier und ich kämpfe weiter.
Ich kämpfe weiter dafür, dass der Anschlag als das gewertet wird, was er ist.
Kein Jugendstreich.
Keine Notwehr.
Kein Unfall.
Es ist und bleibt ein rechter und rassistischer Tötungsversuch.

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